[Rezension] „Saint Mazie“ | Jami Attenberg

„Saint Mazie“ ist nach „Die Middlesteins“ Jami Attenbergs zweiter ins Deutsche übersetzter Roman mit einer außergewöhnlichen und eindringlichen Erzählkraft.

Es sind die 1920er Jahre in New York. Mazie Phillips könnte man als ein typisches Flapper Girl bezeichnen, das selbstbestimmt tagsüber ihrer Arbeit nachgeht und abends lebenslustig um die Häuser zieht. Könnte man. Wäre da nicht ihr immens großes Herz, das sie zwischen ihrer Tätigkeit im Kassenhäuschen des Lichtspieltheaters (in ihrer „Zelle“) und ihrer liebevoll ruppigen Fürsorge für die Familie nun auch während der Weltwirtschaftskrise denjenigen zukommen lässt, die nichts bis weniger als nichts haben. Solchen, die auf der Straße leben, kein Geld für Seife oder gar etwas zu essen übrighaben, oft dem Alkohol und anderen Substanzen verfallen. Mazie würde ihr letztes Hemd für diese Menschen geben, die sie meistens nicht mal kennt, dabei hat auch sie nicht gerade wenige Probleme. In der eigenen Familie, in der Liebe, mit sich selbst.

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Mazie Phillips ist sowas wie eine New Yorker Legende, eine Art Heilige, die tatsächlich gelebt hat. Jami Attenberg nimmt sich ihrer an und schreibt um die Fakten und Mythen der Saint Mazie herum eine Mischung aus fiktiven Tagebucheinträgen und Zeitzeugenberichten. Das klingt erst einmal kurios. Kann das wirklich funktionieren? Ja, definitiv! Für mich war es zunächst ein wenig verwirrend, all die Personen auseinanderzuhalten, wer spricht wann und worum geht es gerade, aber nach wenigen Seiten ist man drin, in dem Mythos der Saint Mazie – und man muss sie einfach lieben! Besonders gelungen finde ich die übergreifenden Anspielungen, die Attenberg immer wieder einbringt. Personen, die neben Mazies Tagebucheinträgen das Geschehen wiedergeben, greifen oft Themen oder Dinge auf, von denen Mazie spricht und erläutern diese oder geben ihre eigene Meinung darüber ab. Sie erzählen die Geschichte aus der Außenperspektive. So erfährt man nach und nach immer mehr Details fernab der Inneneinsichten durch die Tagebücher Mazies. Auch Attenbergs ganz eigener Schreibstil und Humor sind grandios! Dass hier keine direkte wörtliche Rede mit den entsprechenden Satzzeichen benutzt wird, fällt kaum auf und lässt das Geschehen noch unmittelbarer wirken als so schon. Dadurch entsteht das Gefühl, man würde etwas wirklich „Echtes“ lesen, was theoretisch auch so ist, eben nur durch die Elemente der Fiktion. Mazie wirkt zu Beginn des Romans noch etwas flach und schwer greifbar, dies relativiert sich jedoch mit dem Voranschreiten des Erzählten recht schnell (zumindest für mich).

Die Geschichte erstreckt sich von Mazies erstem Tagebucheintrag in 1907 (da war sie zehn Jahre alt) bis hin zu ihrem letzten Eintrag sowie darüber hinaus bis zu ihrem Tod in 1964 und gibt so ein beinahe komplettes Leben wieder. Sie erzählt davon, wie Mazie zuerst selbst aus ihrer eigenen Vergangenheit gerettet werden musste, um dann selbst zur Retterin zu werden. Davon, dass Mazie nach Liebe sucht, sie findet, aber nicht halten kann. Davon, dass es immer Hoffnung gibt, selbst wenn alles verloren scheint.

Ich muss ehrlich zugeben, dass mich das Buch überrascht hat. So viele verschiedene Personen zu Wort kommen zu lassen (auch wenn es fiktiv ist), kann leicht nach hinten losgehen. Das tut es in diesem Fall aber ganz und gar nicht. Mazie als Hauptfigur sowie viele der Nebenfiguren sind mir durch diese Erzählweise sehr ans Herz gewachsen und auch die Stadt New York sowie die Zeit, vor allem die 20er, werden hier so plastisch – nicht immer unbedingt wohlwollend, dafür aber authentisch – dargestellt, dass es einfach Spaß macht, diesen Roman zu lesen. „Saint Mazie“ unterhält auf kluge, eingängige und humorvolle Weise und trifft mit dem Thema genau das, was ich gerne lese. Von mir gibt es daher eine klare Leseempfehlung!

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Aus dem Englischen von Barbara Christ | Schöffling & Co. | 384 S. | ISBN: 978-89561-203-9

[Rezension] „Otto Dix. The Evil Eye / Der böse Blick“ | Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen (Hrsg.)

Die 1920er Jahre üben auf mich nicht erst seit gestern eine gewisse Faszination aus. Ich kann es nicht genau beschreiben, wahrscheinlich liegt es an der explosiven Mischung dieser Zeit in einer Welt, die von einer Krise in die nächste schlitterte und dabei doch so viel zeigen und beweisen wollte. Eine Welt, die jede Menge kluge und interessante Köpfe hervorgebracht hat. So einen wie Otto Dix.

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Otto Dix war ein Maler und Grafiker, der sich dem Realismus verpflichtete (seine Gemälde zählen später zur „Neuen Sachlichkeit“). Mein Lieblingszitat von ihm trifft es da ganz gut auf den Punkt: „Der Maler ist das Auge der Welt.“ Dix Werke sind auf den ersten Blick alles andere als schön im herkömmlichen Sinn. Sie zeigen Kriegsverwundete, Prostituierte, in Armut und Elend lebende Menschen, fratzenhafte Köpfe und verformte Körper, den Tod in all seinen Facetten – aber eben auch die Lebenslust, den Tanz, den Mut, die Schönheit in großen Augen, arbeitenden Händen, einem ausdrucksstarken Gesicht, in einem runden Körper.  All jene Dinge, die wirklich wichtig und schön zugleich sind. Vor einigen Jahren stand ich in einer Ausstellung zum Thema Berlin und Wien in den 1920er Jahren vor einem seiner Gemälde und konnte mich nicht sattsehen. So geht es mir auch heute noch. Da freut es mich besonders, dass „Otto Dix. Der böse Blick“ vor kurzem zweisprachig in Englisch und Deutsch im Prestel Verlag in Zusammenarbeit mit der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf erschienen ist. Hierin wird Dix Schaffen vor den gesellschaftlichen Hintergründen, in denen seine Werke entstanden sind und die Veränderung seiner künstlerischen Tätigkeiten zu einem (Ausstellungs)-Katalog vereint, der nicht nur Einblick in Dix Werke gibt, sondern auch in den Künstler, den Menschen Otto Dix selbst, der es zeit seines Lebens nicht unbedingt leicht gehabt hat. Seine Kunst war und ist provokativ – in den 1920er Jahren gar schockierend – und wurde unter der Machtergreifung der Nationalsozialisten zuerst propagierend als „Entartete Kunst“ ausgestellt, anschließend beschlagnahmt und verboten. Aus dieser Zeit, seinen eigenen Erfahrungen im ersten und später im zweiten Weltkrieg, dem Elend, der Angst, der Armut und der gleichzeitig in den 1920er Jahren aufkommenden Hoffnung und Lebenslust, gestaltet sich eine Kunst, die atemberaubend ist.

In „Otto Dix. Der böse Blick“ geben die verschiedenen Kapitel eine Vorstellung dieser aufregenden und zugleich bemerkenswerten Schaffenszeit des Künstlers. Aus allgemeinen Hintergrundinformationen, über seine Selbstinszenierung als Dandy, seine (Künstler)-Freunde und (Nicht)Gönner, sein Familienleben und seine unterschiedlichen grafischen wie malerischen Techniken in Kombination mit jeweils passenden Abbildungen seiner Werke (bekannte wie relativ unbekannte!) – unterteilt in jeweils unterschiedliche Kapitel zu den jeweiligen Schaffenszeiten – ergibt sich so ein großes Ganzes: der „böse Blick“ auf die Welt, wie Otto Dix sie sah.

Ich finde den Katalog aus mehreren Gründen äußerst gelungen. Zum einen, weil die Unterteilung der Kapitel so gut passt, dass man auch als Laie die Hintergründe sehr gut nachvollziehen und verstehen kann. Denn nach dem Text folgen sofort in einem eigenständigen Abschnitt Abbildungen zu den vorangegangenen Informationen. So fehlt einem nicht der Zugang zu den Bildern, deren Entstehungsgeschichte und Bedeutung man vielleicht nicht immer auf den ersten Blick parat hat.  Zum anderen, weil Dix nicht nur als Künstler, sondern auch als Mensch gezeigt wird. Klar, es handelt sich hier um keine umfassende Biografie – auch wenn sich am Ende des Katalogs eine solche Kurzbiografie eingefügt findet – aber doch ergibt sich dem Leser bzw. Betrachter ein Bild des Malers, des Grafikers, des Sohns, des Ehemanns, des Vaters, des Geliebten, des Kriegsveteranen, des Mannes, mit dem bösen, eindringlichen, wahrheitsgetreuen Blick, der sagte: „Ich brauche die Verbindung zur sinnlichen Welt, den Mut zur Hässlichkeit, das Leben ohne Verdünnung.“ Eine Aussage, die heute nicht weniger aktuell ist.

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Prestel Verlag | 240 S. | 153 farbige Abbildungen | 120 s/w Abbildungen| ISBN: 978-3-7913-5630-3

[Rezension] „Die Gabe der Könige. Die Chronik der Weitseher 1. “ | Robin Hobb

„Die Gabe der Könige“ von Robin Hobb ist der Auftakt zu einer nicht mehr ganz neuen, aber umso aktuelleren Trilogie um die Chronik der Weitseher. Dieses Buch ist bereits unter dem Titel „Der Adept des Assassinen. Die Legende vom Weitseher 01.“ (bei Bastei-Lübbe in 1999) und unter dem Titel „Der Weitseher. Die Weitseher-Trilogie Band 1.“ (bei Heyne in 2009) erschienen. Die beiden älteren Ausgaben glänzen in den jeweils für die Zeit typischen Covern: vor allem bunt und ein wenig an Perry Rhodan erinnernd in 1999 und mit einer (ausdrucks)starken, umhangumwölkten, etwas mystisch angehauchten Gestalt in 2009. Beide Buchcover rufen schon von weitem: Fantasy. „Die Gabe der Könige“ kommt nun dezenter, in sanften Erdtönen, mit einem Hirsch im Hintergrund, der gleichzeitig später das Wappen des Protagonisten zieren wird, daher. Alles (nicht nur der Empfehlungssticker vom Meister der Fantasy himself) erinnert im Design an George R.R. Martins Erfolgsreihe „Game of Thrones“ | „Das Lied von Eis und Feuer“ – und das soll es auch. Dies ist sicher ein cleverer und gut gemachter Marketingkniff, der aufgeht. Denn, ehrlichgesagt, anderenfalls wäre ich wohl nicht so schnell auf das Buch aufmerksam geworden und hätte dabei ganz schön was verpasst.

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Fitz kommt als Bastard eines Prinzen und eines Bauernmädchens an den Hof des Königs. Er ist noch sehr jung und hat daher kaum Erinnerungen an seine Eltern, aber doch ist seine Abstammung Fluch und Segen zugleich. Der König nimmt ihn unter seine Fittiche – was für einen Bastard recht ungewöhnlich ist – und lässt ihn in den unterschiedlichsten Disziplinen ausbilden. Schnell muss er sich eingestehen, dass neben Ehre und Loyalität noch etliche andere Fähigkeiten von ihm erwartet werden, die er schnellstmöglich erlernen muss: den Mut zu kämpfen, das Handwerk des Tötens (was weitaus weniger beliebt ist) und die Gabe des Weitsehens, die sein Vater meisterlich beherrscht hat. Während Fitz immer erwachsener und begabter zu werden scheint, aber dennoch mit Rückschlägen zu kämpfen hat, verändert sich auch die Zeit und alles um ihn herum. Ein Krieg zwischen dem König und seinem Land und den Roten Korsaren wird zu einem unerbittlichen Kampf, bei dem auch Fitz sein Talent als Assassine unter Beweis stellen soll. Doch er muss feststellen, dass aus Freund schnell Feind werden kann und er sich inmitten einer bitteren Intrige befindet…

Robin Hobb hat hier einen wunderbaren Auftakt zu einer Fantasyreihe geschrieben, die alles hat, was sie benötigt, um zu glänzen: Freundschaften, die ans Herz gehen, unaufdringliche Liebe, eine ganz eigene, naturverbundene Welt, Verlust, Verrat, Intrigen, Kämpfe und eine gute Mischung aus Historie und Fantasy. Hobb erschafft Charaktere mit einer Empathie, die sich sofort herauslesen lässt. Die Figuren wirken nicht plump, sondern gut durchdacht und einige Personen hat man sich schnell herausgepickt, die durch ihr Verhalten unsere Aufmerksamkeit und unser Mitgefühl wecken. Bei mir ist es besonders die Beziehung zwischen Fitz und Burrich, der schon Fitz Vater sehr nahegestanden hat, die ich sehr gerne verfolgt habe. Sie wird mal freundschaftlich-väterlich und dann wieder ruppig und somit authentisch dargestellt, denn in dem Roman wird niemand „verzärtelt“, es wird aber auch nicht zu blutig. Die Kämpfe werden nicht allzu ausdehnend beschrieben, da die Entwicklung der Charaktere viel mehr im Fokus steht und genau das ist es, was mir gefallen hat. Bei zu ausschweifenden Auseinandersetzungen schalte ich nämlich gerne mal ab – und das passierte hier nicht. Dennoch wirken manche Szenen etwas in die Länge gezogen, worüber man aber locker hinwegsehen kann, denn das Buch macht einfach Spaß. Es ist eingängig geschrieben – trotz oder gerade wegen der ich-Perspektive, die ich bei Fanatsy eher ungewöhnlich finde – und baut eine Geschichte auf, der man auch nach hunderten von Seiten noch gut folgen kann, ohne den Faden aufgrund von zig neuen Personen und Handlungssträngen verloren zu haben. In manchen inhaltlichen Details habe ich mich an „Game of Thrones“ erinnert gefühlt, sicher hat man sich hier gegenseitig inspiriert, was gar nichts Schlechtes ist. Im Gegenteil. So entstehen wohl die besten Ideen.

Abschließend mag ich dieses Buch wirklich sehr gerne empfehlen. „Die Gabe der Könige“ ist genau das richtige Lesematerial für den Herbst und kommenden Winter, um sich so richtig auf eine Fantasywelt einzulassen und alles um sich herum zu vergessen. Zum Glück erscheint bereits im Oktober der zweite Band in der Neuauflage, denn eins ist sicher: man will unbedingt wissen, wie es mit Fitz weitergeht!

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Aus dem Amerikanischen von Eva Bauche-Eppers | Penhaligon Verlag | 608 S. | ISBN: 978-3-7645-3183-6

[Rezension] „Romeo oder Julia“ | Gerhard Falkner

„Romeo oder Julia“ von Gerhard Falkner steht auf der diesjährigen Shortlist des Deutschen Buchpreises. Letztes Jahr – in 2016 – schafft er es mit seinem Roman „Apollokalypse“ auf die Longlist. Falkner hat noch etliche weitere Preise zu verzeichnen, aber um einen Eindruck für die Reichweite seiner Sprachkraft zu gewinnen, reicht die Information: nominiert für den Deutschen Buchpreis vollkommen aus. (Keine Ironie!)

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In „Romeo oder Julia“ begibt sich der Ich-Erzähler Kurt Prinzhorn zu einem Schriftstellertreffen nach Innsbruck. Hier vereint sich allerhand – nicht nur, aber auch – menschlich Kurioses. Ebenfalls kurios ist die Tatsache, dass sich während Kurts Abwesenheit wohl jemand in seinem Zimmer aufgehalten haben muss und das nicht einfach so oder mit der Absicht etwas Wertvolles zu stehlen, nein, er oder sie scheint ein ausgedehntes Schaumbad genossen zu haben und hat dabei, neben Seifenresten, auch ein großes Haarbüschel hinterlassen. Kurze Zeit später wird Kurts Schlüsselbund entwendet, von dem oder der Täterin fehlt nach wie vor jede Spur. Auch während seines Aufenthalts in Moskau und später in Madrid kommt es zu mysteriösen Ereignissen. Kurt ist ratlos. Dann trifft er durch Zufall auf genau das fehlende Puzzleteil in der Beweiskette und findet sich plötzlich ganz tief vergraben in seiner eigenen Vergangenheit wieder…

Eine (obsessive) Liebe gepaart mit Skurrilität trifft auf die Leidenschaft zur (Welt)literatur.

Nachdem ich die Leseprobe von „Romeo oder Julia“ gelesen hatte, stand für mich sofort fest, dass der Roman zu meinen persönlichen Highlights des diesjährigen Deutschen Buchpreises gehört. Bereits auf diesen wenigen Seiten im Leseprobenheft habe ich mehrmals laut lachen müssen und mir einige Stellen markiert, weil Falkner so herrlich zynisch und schwarzhumorig schreibt.

„Während aber die Erste sich mit den Haaren und Brillen erstaunliche Freiheiten erlaubte, büßte die Zweite ihren gesellschaftlichen Status mit Frisuren, die keine Experimente duldeten.“

Im ganzen Text verteilt sich der rabenschwarze Humor zwar leider etwas, ist aber dennoch vorhanden. Dazu kommt Falkners ganz eigene Art selbst die sonst langatmigsten Beschreibungen von Landschaften und Dingen lebendig und spritzig zu gestalten, so dass es auch auf mehreren Seiten ausgedehnt faszinierenderweise trotzdem noch sehr lesbar bleibt.

„Die cremefarbenen Sonnenschirme spannten sich melancholisch über der von ihnen beschatteten Leere, da sich trotz der milden, sogar warmen Abendluft alle Gäste in der Halle aufhielten.“  

Sprachlich bin ich also mehr als begeistert von dem Buch. Auch inhaltlich bleibt die Spannung bis beinahe zum Schluss, aber leider verpufft am Ende alles irgendwie ein wenig wie bei einem Ballon, der erst prall gefüllt ist und mit einem Mal platzt. Ebenfalls ein wenig störend empfinde ich Kurts chauvinistische Art, die zwar zu einem großen Teil mit Humor zu lesen ist, aber doch in manchen Passagen etwas frauenfeindlich und arg überheblich daherkommt. Es ist nicht so, dass mich das grundlegend gestört hätte, denn es passt zum Buch, aber wäre diese Figur in einem anderen Roman, mit einer anderen sprachlichen Gestaltung, in einem anderen Kontext aufgetaucht, hmm, da würde ich salopp sagen: das geht gar nicht. So kann ich darüber hinwegsehen. Doch muss ich zugeben, dass das einige Sympathiepunkte Abzug gekostet hat. Leider. Bevor ich jetzt zu negativ ende, was ich gar nicht will, betone ich gerne nochmals die absolute Sprachbrillanz des Romans und bin gespannt, ob Falkner damit zum Buchpreisträger 2017 wird!

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Berlin Verlag in der Piper Verlag GmbH |272 S. | ISBN: 978-3-8270-1358-3

[Rezension] „Stimme der Toten“ | Elisabeth Herrmann

Bjarne Mädel als „Der Tatortreiniger“ war gestern, jetzt kommt Judith Kepler. „Stimme der Toten“ ist der neueste Fall für die Cleanerin, die bereits in „Zeugin der Toten“ einiges hat einstecken müssen. Die Autorin Elisabeth Herrmann hat bisher einige zahlreiche, preiswürdige und äußerst spannende Kriminalromane verfasst. Darunter ihr erstes Werk „Das Kindermädchen“ aus der Joachim-Vernau-Reihe. Insgesamt hat Herrmann mittlerweile drei Spannungsreihen veröffentlich: Die eben genannte, die Sanela-Beara-Reihe und die Judith-Kepler-Reihe. Hinzu kommen historische Romane, Jugendbücher und alleine stehende Kriminalfälle.

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Eigentlich sollte es ein ganz normaler Job für die Tatortreinigerin sein: ein Mann ist in einem großen Berliner Bankhaus in die Tiefe gestürzt. Alles deutet auf Selbstmord oder einen Unfall hin. Wirklich? Judith Kepler entdeckt Spuren, die auf einen Mord hindeuten und informiert die Polizei. Was sie in diesem Moment nicht wissen kann: sie gerät dadurch in den Fokus einer Gruppe – allen voran der Waffenhändler Bastide Larcan – die mit dem „Unfall“ zu tun haben. Larcan weiß eine Menge über Judiths Vergangenheit. Dinge, die sie verdrängt hat. Dinge, die sie gar nicht mehr zu wissen scheint. Dinge, die besser im Verborgenen geblieben wären. Um herauszufinden, was Larcan mit dem Toten in der Bank zu tun hat und wieso er so viel über Judiths dunkle Vergangenheit weiß, lässt sie sich auf einen Deal mit ihm ein. Ob das gut geht?

„Stimme der Toten“ ist nun also der zweite Fall der Tatortreinigerin Judith Kepler, die mit einer nicht ganz einfachen Vergangenheit zu kämpfen hat. Wie schon im ersten Teil der Reihe wird die eigentliche Geschichte immer wieder durch kleine und auch größerer Erinnerungsfetzen an früher durchbrochen, weshalb wir als Leser|innen uns auf zwei Ebenen bewegen: der Geschichte um den Mord in der Bank und der Vergangenheit Judith Keplers. Das erhält die Spannung. Wer den ersten Teil der Kepler-Reihe gelesen hat, wird sicher die Anspielungen verstehen, die im zweiten Teil immer mal wieder auftauchen. Wer dies nicht getan hat, wird dennoch recht problemlos in den Roman finden, da die Autorin die wichtigsten Momente erwähnt, das ist auch für diejenigen praktisch, die sich nicht mehr ganz an alles erinnern können.

Judith selbst ist eine eigensinnige, in sich gekehrte, schwarzhumorige, aber auch liebevolle Person, die sich als Protagonistin recht gut macht. Insgesamt ist der Erzählstil flüssig lesbar und mit Witz durchwebt, was mir persönlich gut gefällt. Doch wer jetzt – wie ich- auf einen Kriminalroman gehofft hat, der wird wohl ein wenig enttäuscht werden. Statt dass Judith einen Kriminalfall als Cleanerin löst, worauf man zu Beginn des Romans noch hoffen mag, endet ihre ermittlerische Tätigkeit praktisch mit der Meldung an die Polizei. Von nun an steht sie und ihre Vergangenheit selbst im Visier und der Roman entpuppt sich als eine Art Agententhriller, der vor allem die ehemalige DDR und den Kalten Krieg thematisiert, wenn man es so verkürzt ausdrücken kann. Das ist nicht schlecht – keineswegs -, aber auch nicht ganz das, was man vielleicht vom Klappentext her erwarten würde. Zudem haben wir nun noch eine dritte Ebene im Buch, weshalb es nicht immer ganz einfach ist, dem roten Faden folgen zu können. Dennoch ist „Stimme der Toten“ eine unterhaltsame, gut durchdachte, wenn auch in Teilen verworrene Mischung aus Politthriller und Kriminalroman, der vor allem durch seine äußerst sympathische Hauptfigur besticht.

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Goldmann Verlag – 544 Seiten – ISBN: 978-3-442-31391-4

[Rezension] „Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr“ | Walter Moers

Er ist endlich da, der neue Roman aus der spitzen Feder des Zamonienmeisters Walter Moers. Ich glaube, etliche Herzen liefen bei dieser Nachricht über vor Glück. „Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr“ ist der mittlerweile siebte Zamonien Roman und entführt uns in die Welt ebenjener titelgebenden schlaflosen Prinzessin, besser gesagt: in ihr Gehirn.

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Es war einmal die schlafloseste der schlaflosen Prinzessinen: Dylia Insomnia. Diese lebte zwar in Zamonien, aber doch in ihrer ganz eigenen zamonischen Welt. – Präteritum Ende. Ab ins Buch: Mit Vorliebe hält sie sich in ihren persönlichen Gedanken auf, denn irgendwie muss sie sich ja die viele Zeit vertreiben, die sie dank Schlaflosigkeit zu bewältigen hat. Dylia unterhält sich mit den zwielichtigen Zwergen (die sie nur zu einer ganz bestimmten magischen Tageszeit und zwischen Frühling und Spätsommer sehen kann) und lernt Pfauenvokabeln (solche Wörter, die eigentlich überflüssig, aber doch so exotisch anmuten, dass man sie nicht vergessen kann), bis eines Nachts der alptraumfarbene Nachtmahr Havarius Opal an ihrem Bett steht und ihr freudig verkündet, sie in den Wahnsinn treiben zu wollen. Oha! Selbstverständlich nicht, ohne vorher einen Ausflug nach Amygdala, jene Stadt, in der das dunkle Herz der Nacht regiert, zu machen. Prinzessin Dylia bleibt nun keine Wahl, sie muss Havarius Opal folgen, bis hinein in die tiefsten Abgründe ihres Gehirns …

Der Einfallsreichtum Walter Moers ist nach wie vor ungebrochen. Feinfühlig und mit viel Liebe zum Detail beschreibt Moers seine Hauptfigur Dylia Insomnia in den ersten Kapiteln sehr ausführlich, das kann sich schnell etwas langatmig und zäh anfühlen, doch macht es dennoch Spaß, diese Figur und vor allem ihre Sprachgewandtheit kennenzulernen. Es ist einfach wunderbar wie Walter Moers hier mit Wörtern spielt, bunte und skurrile Wortneuschöpfungen zaubert und so die Welt der Dylia Insomnia lebendig macht. Etwas spannender wird es dann, nachdem Havarius Opal das Geschehen bereichert und Dylia praktisch in das dunkle Herz der Nacht entführt. Auf ihrer Reise dorthin lernen Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr einige lustig-merkwürdige Bewohner des Gehirns kennen und müssen auch so manche Hürde überqueren.

Was hier wirklich lobenswert erwähnt werden muss, ist – neben Walter Moers Einfallsreichtum und Humor – auch Lydia Rodes Illustrationen, die das Buch zu einem kleinen Kunstwerk machen. Sie passen einfach immer und wirken nie fehl am Platz. Es macht unglaublich viel Freude, die Seiten zu betrachten und so für Moers skurille Welt(en) gleich eine Fülle an Bildern vor Augen zu haben. Aber all des Lobes zum Trotz ist „Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr“ leider an einigen Stellen für meinen Geschmack doch etwas zu fad. Vor allem dann, wenn man dieses Buch mit den Vorgängern vergleicht (was man nicht unbedingt tun sollte, es aber automatisch doch macht). Die Geschichte kommt etwas schwerfällig in Gang, es fehlt irgendwie an Schwung. Man verschlingt es nicht unbedingt am Stück, sondern genehmigt sich auch mal ein Lesepäuschen. Das ist jetzt keinesfalls schlecht, aber auch nicht herausragend. Dennoch ein schöner Ausflug nach Zamonien, um das Niemalsweh ein wenig zu stillen.

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Mit Illustrationen von Lydia Rode | Knaus Verlag | 344 S. | ISBN: 978-3-8135-0785-0

[Rezension] „Vernunft & Gefühl“ | Jane Austen

Ich muss es leider zugeben: ich habe (bisher) noch nie einen Roman aus der Feder – im wahrsten Sinne des Wortes – Jane Austens gelesen. „Stolz und Vorurteil“ habe ich vor Jahren mal angefangen, aber nie beendet, weil… das weiß ich leider auch nicht. Den Inhalt ihrer Romane kenne ich natürlich trotzdem. Da dieses Jahr – 2017 – aber den 200. Todestag Jane Austens beherbergt (feiert kann man wohl nicht sagen), habe ich mir das zum Anlass genommen, eine Bildungslücke dahingehend zu schließen. Und, warum auch nicht? Jane Austen gilt heute als eine der beliebtesten Schriftstellerinnen. Um 1813, zur Zeit des Erscheinens von „Stolz und Vorurteil“ ist es jedoch alles andere als selbstverständlich als unabhängige im Sinne auch von unverheiratete Frau erfolgreich zu sein – und dann noch als Schriftstellerin, also: gebildet zu sein. Jane Austen schreibt vor allem über damalige vorherrschende gesellschaftliche Gepflogenheiten. Immer im Mittelpunkt: die Rolle der Frau. Berühmt wurde sie Zeit ihres Lebens nicht, dafür hallen ihre Werke heute umso stärker nach. Austen karikiert ihre Figuren, überspitzt die Situationen, beobachtet dennoch ganz genau und legt vor allem die Liebe und Romantik in den Fokus ihrer Romane, ohne dabei zu kitschig zu werden.

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„Vernunft & Gefühl“ – Jane Austens erster Roman, damals noch unter dem Pseudonym „Von einer Dame“ veröffentlicht – hat auf den ersten Blick alles, was ein typischer Liebesroman benötigt. Ein wenig Herz und Schmerz, unerwiderte Liebe, erwiderte Liebe (aber zum falschen Zeitpunkt) den Verlust der Liebe (einhergehend mit offenen Fragen, Streit, Unmut usw.) und natürlich ganz viel Dramatik.

Marianne und Elinor Dashwood sind Schwestern, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Während die eine temperamentvoll und aufbrausend ist („Gefühl“), ist die andere ruhig und in sich gekehrt („Vernunft“). Beide wachsen bei ihrem Vater und ihrer Mutter, der zweiten Ehefrau Mr. Henry Dashwoods, in Norland Park auf. Dieses Anwesen geht nach dem Tod Henry Dashwoods auf seinen Sohn John aus erster Ehe über, der sich nun um seine beiden Halbschwestern zu kümmern hat. Seine Frau jedoch, gewitzt und bestimmend, verhindert, dass sich John als allzu großzügig ihnen gegenüber verhält. Dies führt dazu, dass Mrs. Henry Dashwood und ihre Töchter Norland Park verlassen müssen und ein kleineres Anwesen in Barton Park beziehen. Natürlich geht das alles nicht ohne Herzschmerz vonstatten, denn Elinor lernt vor ihrer Abreise aus Norland Park den Bruder ihrer gehässigen Schwägerin kennen: Mr. Edward Ferrars, der ein liebenswürdiger und ehrlicher Mensch zu sein scheint. Doch bevor sich etwas Ernsthaftes entwickeln kann, muss Elinor Norland Park verlassen.

In Barton Park leidet nun nicht nur Elinor unter Liebeskummer, sondern mittlerweile auch Marianne, die durch Glück im Unglück John Willoughby kennengelernt hat. Beide gehen ganz offen mit ihren Gefühlen um, während Elinor und Mr. Ferrars diese eher versteckt gehalten haben. Doch plötzlich verschwindet Willoughby und mit ihm Mariannes Fröhlichkeit und Lebensenergie. Wird es für die beiden ungleichen Schwestern dennoch ein „Happy End“ geben?

In „Vernunft & Gefühl“ arbeitet Jane Austen auf wunderbare Weise zwei gegensätzliche Charaktermerkmale heraus und zeigt, dass trotz Unterschiedlichkeit der Wunsch nach Liebe und Geborgenheit doch immer gleich ist. Es ist faszinierend, wie genau Austen die Gesellschaft beleuchtet und auch ein wenig aufs Korn nimmt. Die Suche nach einer „guten Partie“ ist sowohl für Frauen als auch Männer obligatorisch, aber keineswegs immer gewollt. Austens Sprache ist angenehm, in der Neuübersetzung durch Andrea Ott aber ein wenig verfremdet worden. Damit möchte ich keineswegs ausdrücken, dass diese schlecht sei, aber ich persönlich bevorzuge doch die alte Übersetzung oder womöglich beim nächsten Mal gleich das Original (auch wenn ich da mit Sicherheit nur die Hälfte verstehen werde). Mir wäre das wahrscheinlich gar nicht groß aufgefallen, wenn ich nicht in Teilen das Hörbuch nebenbei hätte laufen lassen, wodurch mir die Unterschiede stärker bewusstgeworden sind. Die Austen Romane sind nun einmal vor rund 200 Jahren geschrieben worden, ein wenig Staub und ältere Ausdrucksweisen gehören dazu. Alles andere wirkt unauthentisch. Nichtsdestotrotz ist „Vernunft & Gefühl“ ein durchaus sehr lesbarer Roman, der mir – bis auf ein paar langatmige Stellen – äußerst gut gefallen hat. Demnächst versuche ich es dann doch noch mal mit „Stolz und Vorurteil“.

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Aus dem Englischen von Andrea Ott | Manesse Verlag | 416 S. | ISBN: 978-3-7175-2354-3

[Rezension] „Das Original“ | John Grisham

Bücher von John Grisham haben mich bisher nie so angelacht. Ich weiß auch nicht genau warum, aber vielleicht hatte ich immer das Bild von älteren, bärtigen und meistens beanzugten Männern vor Augen (Klischee!) und dachte mir daher: das ist nix für mich! Als ich dann aber gelesen habe, dass es sich bei seinem neuesten Roman um gestohlene Fitzgerald-Manuskripte handelt, bin ich sofort hellhörig geworden. FITZGERALD? F. SCOTT FITZGERALD? Ja, gut, das muss ich dann wohl lesen!

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In „Das Original“ von John Grisham stehlen fünf gewiefte Verbrecher in einem gemeinsamen Coup die handgeschriebenen Manuskripte von F. Scott Fitzgerald aus der Bibliothek der Princeton Universität. Einige der Beteiligten werden wenige Tage nach der Tat gefasst, die anderen bleiben unauffindbar – ebenso die Manuskripte. Eine Spur führt zu Bruce Cable, einem Buchladenbesitzer und leidenschaftlichen Sammler alter Manuskripte und Erstausgaben auf Camino Island in Florida. Sowohl das FBI als auch das Versicherungsunternehmen der Uni wollen ihm eine Falle stellen und ordern dazu Mercer Mann an, eine Autorin, die früher auf der Insel viel Zeit verbracht hat und die ihm so als „Alteingesessene“ ein bisschen aufs Zahnfleisch fühlen soll. Es gelingt ihr tatsächlich, sich bei Bruce einzuschmeicheln, doch haben weder sie, noch das FBI, noch das Versicherungsunternehmen mit Cables ganz eigenen Ideen gerechnet…

John Grisham ist ein begnadeter Erzähler. Die Geschichte kommt schnell in Gang, ist detailreich und klug ausgedacht. Er beleuchtet das Geschehen aus immer wieder anderen Blickwinkeln heraus, sodass man als Leser über alles Bescheid weiß, aber doch nicht im Einzelnen über den tatsächlichen Hergang (so bleibt es spannend)! Besonders gut haben mir die Passagen über den Literaturbetrieb gefallen, also alles, was auf Camino Island spielt. Grisham macht sich ein wenig über diesen lustig, indem er ganz leise den Kapitalismus anprangert sowie schrullige, witzige und scharfsinnige Autorenfiguren kreiert, was natürlich vor allem für Buchbegeisterte wie mich ein Spaß zu lesen ist. Auch bringt er immer wieder ein wenig aus Fitzgeralds Leben (Fiktives wie Reales) mit ein. Wäre dieser Teil nicht, kann ich nicht genau sagen, ob mir das Buch ebenso viel Freude zu lesen gemacht hätte, wahrscheinlich hätte mir dann etwas gefehlt, aber so ist es ein wunderbarer Roman für zwischendurch, der absolut Spaß macht zu lesen und der bis zum Schluss die Spannung bewahrt.

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Aus dem Amerikanischen von Kristiana Dorn-Ruhl, Bea Reiter und Imke Walsh-Araya – Heyne Verlag – 368 S. – ISBN: 978-3-453-27153-1